Das Wort zum frostigen Frühjahr

Seit einigen Jahren beobachte ich das gleiche Spiel:
Wir haben im März / April ein paar ungewöhnlich warme Tage und schon sind beim Gärtner die Tomaten ausverkauft.
Wenn es dann Ende April oder gar zu den Eisheiligen im Mai noch mal Frost gibt, ist der Frust groß.

In den Gartengruppen gibt es kaum mehr ein anderes Thema.
Die Menschen sind sehr erfinderisch, wenn es darum geht, die armen Pflänzchen mit Decken, Körben, Plastikwannen, Heu ect. vor der nächtlichen Kälte zu schützen.
Nur leider vergessen viele, daß man die Pflanzen unter Tags auch wieder aufdecken sollte, weil sie sonst an Lichtmangel eingehen.

Ich könnte das ganze Thema ja in Ruhe aussitzen, weil ich bislang nur 10 Kohlrabipflanzen ausgepflanzt habe und Tomaten grundsätzlich erst Mitte Mai ins Gewächshaus pflanze.
Nach meiner Erfahrung wachsen die Jungpflanzen besser an und werden nicht so leicht ein Opfer der Schnecken, wenn man abwartet.

Frei nach dem Motto meines Opas, das sich allerdings auf Kartoffeln bezog: "Pflanzt mich im April, kimm i wann i will, pflanzt mich im Mai, kimm i glei." 
Früher war ich auch eher der ungeduldige Typ Gärtnerin. Vor ein paar Jahren gab es Anfang Juni ein heftiges Hagel-Unwetter. Danach mußte ich alle Jungpflanzen neu kaufen.
Und siehe da, diese Pflanzen wurden genauso schön und das in viel kürzerer Zeit. Seitdem habe ich alle Ruhe der Welt. 

Aber natürlich mache ich mir dennoch meine Gedanken zu dem Thema.
Einerseits ärgert mich diese Hektik, da beim Gärtner oft alle Pflanzen ausverkauft sind, bis ich in die Gänge komme.

Andererseits betrifft uns diese heftige Kälte Ende April natürlich trotzdem, weil ja auch die Obstbaumblüte erfriert.
Unsere Obstbäume sind viel zu groß, als daß man sie schützen könnte.

Und natürlich tun mir auch die Garten-Anfänger leid, die man in den Gartencentern ungewarnt ins Messer laufen läßt.

Letztes Jahr war das gleiche Spiel. Da haben wir zwar die Kälte in der Nähe von Neapel ausgesessen, aber beim Heimkommen war der Schock umso größer.

Eindeutig sind da Auswirkungen des Klimawandels im Gange.
Allerdings ist nicht die Kälte+Schnee im April so ungewöhnlich, sondern die warmen Tage im März/April und das regelmäßige Ausbleiben der Eisheiligen.

Ich bin in einer eher milden Region des Odenwaldes aufgewachsen. 
Meine Mutter hat täglich die Wetterdaten aufgeschrieben und einige Regelmäßigkeiten sind mir noch in Erinnerung.
Z.B. erinnere ich mich an drei Jahre in Folge, wo es an meinem Namenstag, dem 7. September den ersten Frost hatte.
Das war damals ebenso normal, wie die Tatsache, daß der April macht was er will und sonnige Tage Anfang Mai meistens mit Reif am Morgen anfingen. 

Heute wohne ich in einer viel raueren Gegend. 
Dennoch sind wir gewöhnt, daß der erste Frost kaum vor Oktober zu erwarten ist. 
Es gab auch viele Jahre, wo er erst kurz vor Weihnachten kam.

Und die Eisheiligen Mitte Mai fallen regelmäßig aus.

Aber - und das ist das Entscheidende - wir können uns nicht drauf verlassen.
Frost um die jetzige Zeit ist vollkommen normal, auch wenn es im März noch so warm war. 

Es treffen also zwei Entwicklungen aufeinander:
Das eine ist der Klimawandel, der weniger eine gleichmäßige Erwärmung mit sich bringt, als Extremwetterlagen.
Von denen haben wir im letzten Jahr gleich mehrere erlebt: extreme Trockenheit, Temperaturrekorde im März und nun die extreme Kälte und Schneemassen in einigen Regionen.

Die andere Entwicklung ist wesentlich positiver: Gärtnern steht hoch im Kurs und viele Menschen suchen sich auch in der Stadt ein paar Quadratmeter Grün.
Als Gärtner-Anfänger sind sie oft unsicher über den richtigen Zeitpunkt für bestimmte Garten-Tätigkeiten und über die Bedürfnisse der verschiedenen Pflanzen.

Früher hätte ich zu ihnen gesagt, lasse Dich einfach vom Gärtner beraten, wo Du Deine Pflanzen kaufst.
Aber welches Gartencenter oder welcher Pflanzen-Online-Shop bietet heute schon noch Beratung?

Früher hat keine Gärtnerei frostempfindliche Pflanzen vor Mitte Mai verkauft.
Die wurden ja selbst angezogen und zwar so, daß sie genau nach den Eisheiligen verkaufsfertig waren.  
Anders wäre es schon aus Platzgründen nicht gegangen. Außerdem hätten sich die Kunden über falsche Beratung beschwert. 

Heute werden die Pflanzen in den Gartencentern ab Anfang März angeboten und natürlich auch gekauft, sobald die Temperaturen entsprechend sind.
Und wenn sie kaputt gehen? Dann wird einfach noch mal gekauft. 
Die Pflanzen sind ja so billig, daß es nicht wirklich weh tut und die Gartencenter freuen sich über doppeltes Geschäft.

Kleinere Gärtnereien, wie in meinem Nachbarort, die ihre Pflanzen heute noch selbst anziehen, gucken in die Röhre.
Wenn sie den Bedarf für frühe Pflanzen erfüllen möchten, dann haben sie hohe Heizkosten.
Und sie haben nicht genug Platz, um Reserven pflanzen zu können, falls die ersten Tomatenpflanzen beim Kunden erfrieren. 
Aber wenn sie zum rechten Zeitpunkt anziehen, dann haben sich die Kunden anderweitig eingedeckt, weil sie nicht warten wollen und der Gärtner bleibt auf seinen Tomaten sitzen.

Mein Gärtner hat mir ein Beispiel genannt: Früher hat er zwei Jahre gebraucht, um den Kredit für ein Gewächshaus abzuzahlen. Heute braucht er dafür 20 Jahre wegen Heizkosten und weil die Pflanzen billige Wergwerfware geworden sind.

Es gibt also viele gute Gründe folgendes zu beherzigen:

  • lieber WARTEN und nur einmal kaufen und dafür gutes Geld in starke Pflanzen aus einer Qualitäts- Gärtnerei /-Baumschule investieren
  • Da kaufen, wo man auch ehrliche Beratung bekommt. 
    Und wenn der Gärtner abwinkt, dann nicht in die nächste Gärtnerei gehen, wo man weniger Skrupel hat.
  • lieber spät pflanzen und dafür kräftige Pflanzen haben, die auch besseren Widerstand gegen Schneckenfraß zeigen
  • Auf Sorten achten, die zur Klimazone passen. In den bunten Gartenkatalogen werden viele Pflanzen als winterhart gepriesen, die das auch sind.
    Aber eben nur in den wärmsten Regionen Deutschlands, wie z.B. am Bodensee.
  • Sich mit den Bedürfnissen jeder (Gemüse-)Pflanze genau beschäftigen. Ein Kohlrabi ist nun mal robuster, als eine Tomatenpflanze.
  • Sich klar machen, daß man die Pflanzen zwar mit diversen Hilfsmitteln vor dem Kältetot bewahren kann (Grablichter im Gewächshaus, Flies im Freiland), aber die Pflanzen trotzdem leiden und krankheitsanfälliger sind.
  • Im Staudengarten ist man auf der sicheren Seite, wenn man weniger hoch gezüchtete Sorten verwendet, die schon lange getestet wurden und als robust bekannt sind.

So - und nun wünsche ich uns allen, daß es bald wieder warm wird, weil ich möchte jetzt auch endlich los legen. ;-)
Und irgendwann sieht es auch wieder so aus:

 

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